GESCHICHTEN

Zauberische Geschichten zum Mitfühlen und Nachdenken:

Biodanza wird auch als „poetische Wissenschaft“ bezeichnet.
Der Begründer von Biodanza  –
 Rolando Toro –   hat viele Gedichte geschrieben und  immer wieder angeregt, den Gruppenteilnehmern die Tänze und Übungen in „poetischer“ Sprache zu erklären.

Das hat mich dazu inspiriert, meine Gedanken, Gefühle und Erfahrungen durch Märchen auszudrücken.
Ich lese diese Geschichten immer wieder mal vor –  vor oder nach einer Vivencia –  wenn sie gerade zum Thema des Abends passen.
Einige davon sind auch hier zu lesen:

 

 

 

* die DRACHin:  
(Dieses Märchen erzählt den langen Weg zu sich selbst –  sich selbst lieben, sich zeigen, sein Herz öffnen und bei sich selbst zu Hause sein.)

 

Es war einmal ein Drache – eine kleine rote Feuerdrachin.
Es gibt ja so viele verschiedene Drachen – große, kleine, lebensgefährliche und hilfsbereite, bewegungshungrige, die ständig unterwegs sind und zurückgezogene, die lieber in der Höhle auf ihren Schätzen liegenbleiben.
Sie unterscheiden sich natürlich auch durch ihre Hautfarbe: die blauen Wasserdrachen, die braunen Drachen der Erde, die luftigen Grünen und die roten Feuerdrachen.
Was allen gemeinsam ist, ist das doch etwas furchterregende Aussehen, die dicke, ledrige Haut, die gefährlichen Krallen, die starken Flügel, die Fähigkeit des Feuerspuckens.
Diese Drachin nun, von der ich hier erzählen möchte, diese kleine rote Feuerdrachin war insofern anders als die anderen Drachen ihrer Spezies, dass ihre Haut eher dünn und weich war, die Krallen nicht sehr stark ausgebildet – und das Feuer war ihr irgendwann im Hals stecken geblieben. Sie konnte sich noch dunkel an den Anlass erinnern, aber sie vermied es, allzuviel darüber nachzudenken. Sie musste sich oft räuspern – immer in der Hoffnung, dass der Feuerstrahl doch endlich wieder aus ihrem Maul heraustrat – und dieses unangenehm kratzig-trockene Gefühl im Hals  wieder verschwinden würde – aber es gelang ihr nicht. Und ein Feuerdrache, der nicht dazu imstande ist, Feuer zu spucken, das ist eigentlich eine ziemliche Jammergestalt – zumindest war das ihre Ansicht – und alle anderen Drachen, die sie bis jetzt in ihrem Leben getroffen hatte, waren auch dieser Meinung.

 

Zu ihrem Glück – war das wirklich ein Glück? – hatte sie eine besondere Fähigkeit: sie konnte sich unsichtbar machen. Das war ziemlich praktisch. Immer wenn sie allein sein wollte  – oder die abwertenden, mitleidigen oder gleichgültigen Blicke ihrer Artgenossen nicht mehr ertragen konnte – flüchtete sie in die Unsichtbarkeit.
Wie sie das machte? Eigentlich ganz einfach – es genügte, das Herz zu verschließen, sich vorzustellen, unsichtbar zu sein – und sie war es. Der umgekehrte Fall funktionierte an sich genauso – nur war es weitaus schwieriger, das Herz zu öffnen, als es zu verschließen. Und im Verschließen war sie auch viel geübter, das ging viel leichter und schneller. Das Öffnen war oft alleine nur sehr schwer möglich – aber wie jemanden um Hilfe bitten, wenn man doch unsichtbar war? Die Folge davon war, dass sie viel länger unsichtbar blieb, als sie das eigentlich wollte und länger, als ihr guttat. Und irgendwann wurde es eine Selbstverständlichkeit für sie, unsichtbar zu sein. Sie konnte sich nur mehr ganz vage dran erinnern, wie das war, sichtbar zu sein.
Und noch eine Besonderheit hatte sie: Sie hatte Platzangst  – und konnte deswegen in keiner Höhle wohnen wie alle anderen Drachen. Deswegen hatte sie beschlossen, in ihre Lieblingsstadt zu ziehen – nach Paris. Und dort, an ihrem Lieblingsplatz, dem „Herzen“ von Paris – zur NotreDame. Bei dieser wunderschönen Kathedrale fühlte sie sich wohl und geborgen. Die meiste Zeit verbrachte sie auf dem Dach der Kirche – unter den vielen wasserspeienden Dämonen fühlte sie sich gut aufgehoben – und da sie ja unsichtbar war, merkten die vielen Besucher des Gotteshauses nichts von ihrer Anwesenheit.
Man kann nicht sagen, dass sie unzufrieden war mit ihrem Leben – aber wirklich glücklich war sie auch nicht.
Sie saß gerne auf dem Kirchendach und beobachtete die vielen Menschen unten auf dem Platz. Sie machte gern ihre Rundflüge über die Stadt – da gab es immer viel zu sehen. Sie saß gerne an der Seine und schaute ins Wasser. Manchmal flog sie auch in den Wald am Stadtrand und legte sich dort in die Sonne. Die Tage vergingen wie im Flug, es war immer was los, es passierte so viel in ihrer Umgebung. Und da ihre Haut ja so dünn war, konnte sie alles spüren, was rund um sie geschah.

 

Sie freute sich mit den Kindern, die Luftballons steigen ließen, sie spürte die Rückenschmerzen der alten, gebeugten Frau, die mit ihrem Hund spazieren ging. Sie erschrak mit der Mutter, als deren Kind bei Rot über die Straße laufen wollte. Sie sah die Trauer und Hilflosigkeit auf dem Gesicht des jungen Mannes, der hinter dem Glasfenster eines Cafés seine ehemalige Freundin mit ihrem neuen Freund sitzen sah. Sie erlebte die Aufregung der beiden verliebten Jugendlichen mit, die gerade die Gewalt der ersten Liebe in ihr Leben gelassen hatten. Sie spürte die begeisterte, ungläubige Fassungslosigkeit des jungen Schriftstellers beim Erscheinen seines ersten Buches. Sie nahm die Erschöpfung des Gemüsehändlers am Abend wahr, der die Obstkisten wieder ins Geschäft zurücktrug. Sie schmunzelte über den Wissenschaftler, der ganzen Tag auf der Suche war nach unerforschten Lebewesen. Sie fühlte den Stress des Journalisten, der ständig auf der Jagd nach spannenden Geschichten durch die Straßen lief.
Kurz gesagt, sie nahm Anteil am Leben rund um sie – sie fühlte mit allen Lebewesen mit, die sie sah. Ihre Tage waren ausgefüllt – trotzdem hatte sie immer wieder das Gefühl, dass ihr etwas fehlte, um wirklich glücklich zu sein. Immer wieder spürte sie viel Trauer in sich. Sie hatte sich an diese Trauer gewöhnt, sie war wie ein treuer Begleiter, sie nahm sie wahr, dachte aber nicht länger darüber nach.
Manchmal überlegte sie, wie es wohl wäre, wieder sichtbar zu sein?
Es war schon so lange her, sie hatte sich an die Unsichtbarkeit gewöhnt. Und es war ja auch ganz angenehm, unsichtbar zu sein, es hatte gewisse Vorteile – kein Konflikt, keine Kränkung, keine Zurechtweisung, keine Forderungen, keine Auseinandersetzungen, keine Erklärungen und Rechtfertigungen.
Aber leider auch kein Verständnis, kein Mitgefühl, kein Erkennen, kein Geliebtwerden, keine Zärtlichkeit, wie ihr in letzter Zeit immer stärker und schmerzlicher bewusst geworden war.
Und es wurde ihr klar, dass sie zumindest versuchen wollte, wieder sichtbar zu werden. Aber ihr Herz war verschlossen, es ließ sich nicht mehr öffnen. Sie hatte es zu lange nicht mehr probiert. Doch der Wunsch in ihr war so stark geworden, dass sie ihn nicht mehr unterdrücken konnte. Es war ihr bewusst, dass sie Mut dafür brauchte. Den konnte sie aktivieren, zumindest für kurze Zeit. Aber Mut allein war zu wenig. Sie versuchte es mit ihrem Willen – aber das funktionierte nicht. Dann kam sie auf die Idee, um Hilfe zu bitten. Aber wen sollte sie bitten, sie war ja unsichtbar für alle anderen.
Eines Tages, als sie wieder auf dem Dach der Notre Dame saß – inmitten der steinernen Dämonen –  und die vielen Menschen auf dem Platz betrachtete, die alle das Gotteshaus besuchen wollten, wurde ihr klar, wen sie um Hilfe bitten konnte – die Göttin, die Mutter aller Lebewesen. Sie sprach ein Gebet – und sie wurde für einen Moment sichtbar. Sie blieb so lange sichtbar, bis sie den Schrei eines Kindes hörte, das seiner Mutter zeigen wollte, dass ein steinerner Dämon lebendig geworden sei  – und dabei in ihre Richtung zeigte. Vor lauter Schreck wurde sie wieder unsichtbar.
Aber sie hatte nun eine Möglichkeit gefunden. Und als sie sich von dieser Aufregung mit dem kurzen Gesehen-Werden wieder erholt hatte, bekam sie Lust, es nochmals zu versuchen. Sie machte einen Rundflug.
Als sie die Kinder mit ihren Luftballons unter sich sah, nahm sie all ihren Mut zusammen, sprach ein Gebet – und wurde sichtbar. Die Kinder schrien vor Begeisterung – sie hielten sie für einen großen, roten Luftballon. Und enttäuscht wurde sie wieder unsichtbar.
Sie flog weiter, bis sie unter sich die alte Frau sah, die mit ihrem Hund spazieren ging. Sie wurde wieder sichtbar – auf die nun schon bewährte Art. Der Hund bemerkte sie sofort und begann aufgeregt zu bellen. Die Frau konnte nichts wahrnehmen. Ihr Rücken war so gebeugt, dass sie nur die Straße sehen konnte. Und ihre Augen waren schon so schwach, dass sie den Schatten, den die Drachin warf, nicht erkennen konnte. Der Hund wurde immer aufgeregter – und die alte Frau zog ihn verstimmt nach Hause, weil sie den Spaziergang nun nicht mehr genießen konnte und glaubte, dass ihr Hund halt auch schon alt sei und Dinge sähe, die gar nicht da waren.
Frustriert wurde die Drachin wieder unsichtbar. Sie flog weiter, als sie die Mutter erkannte, deren Kind schon wieder bei Rot über die Straße laufen wollte. Sie wurde sichtbar. Das Kind blieb stehen und schaute mit offenem Mund zum Himmel. Die Mutter glaubte, dass das Kind aufgrund ihrer ständigen Ermahnung endlich zur Einsicht gekommen  sei und deswegen stehen geblieben war. Sie nahm das Kind erleichtert an der Hand, die Augen auf die Ampel geheftet – sie merkte gar nicht, dass das Kind zum Himmel schaute und zog es schnell weiter, denn inzwischen war es Grün geworden.
Die Drachin verblasste wieder und flog weiter. Sie sah den jungen Mann, der schmerzerfüllt durchs Schaufenster des Cafés auf seine ehemalige Freundin starrte. Sie wurde sichtbar – aber in seinem Schmerz nahm er nichts anderes wahr als das Mädchen mit seinem neuen Freund.
Die Drachin wurde wieder unsichtbar und flog weiter. Sie entdeckte die beiden Verliebten und wurde sichtbar. „Schau mal“, rief das Mädchen und zeigte zum Himmel. Und auch ihr Geliebter bewunderte die tolle, herzförmige rote Wolke, die sie dort zu sehen glaubten.
Traurig wurde die Drachin wieder unsichtbar und flog weiter. Schön langsam wurde ihr bewusst, dass die Leute nur das sahen, was sie sehen wollten – oder konnten, was gerade in ihr Leben und ihr Weltbild passte. Mit ihr persönlich hatte das nicht viel zu tun. Sie war nur der Auslöser. Zuerst war sie geschockt über die Reaktionen, dann traurig – und dann beschloss sie, das alles einfach als Impuls zu sehen – als Möglichkeit, sich zu zeigen, zu erfahren, wie sie auf die anderen wirkte, zu lernen – über die anderen und im Endeffekt auch über sich  selbst – denn sie war ja der Anlass für die Reaktionen der anderen. Sie erfuhr dadurch etwas über die Erlebnisse und Sichtweisen der anderen – und, indem sie darüber nachdachte, ob und was es mit ihr zu tun hatte, auch etwas über sich selbst.
Sie flog weiter. Der Gemüsehändler hielt sie für ein neuartiges Luftschiff  – und beschloss, wieder mal Urlaub zu machen. Der Journalist war begeistert – er hielt sie für ein besonderes Feuerwerk und hatte endlich ein Thema für seinen täglichen Artikel. Der Schriftsteller hielt sie für eine Ausgeburt seiner Phantasie – und freute sich über diese Idee zu einem neuen Buch – es sollte ein Kinderbuch über fliegende Drachen werden. Und der Wissenschaftler war so begeistert, endlich einen Drachen zu Gesicht zu bekommen, dass er sein Glück gar nicht fassen konnte – und total verzweifelt war, dass die Batterie seiner Digitalkamera leer war, weil er schon so lange keine Gelegenheit mehr gehabt hatte, sie zu verwenden, dass er ganz darauf vergessen hatte, sie aufzuladen.

 

Immerhin hatten diese beiden sie als das wahrgenommen, was sie war – nämlich ein Drache. Und das stimmte sie froh und gab ihr Hoffnung. Und sie merkte, dass sie etwas länger sichtbar geblieben war als vorher.
Sie flog zurück zur Notre Dame, auf ihren Platz zwischen den Stein-Dämonen. Sie dachte über ihre Erlebnisse nach. Jedes Sichtbarwerden und Gesehenwerden hatte etwas in ihr verändert – sie war in Kontakt getreten und hatte etwas gelernt. Und als äußeres Zeichen dafür war von jedem Erlebnis ein sichtbarer Leuchtpunkt an ihrem Körper geblieben. Aber das wusste sie nicht. Die Leuchtpunkte begannen nämlich an ihrem Rücken zu wachsen. Und wenn sie auf dem Dach saß und hinunterschaute, nahm sie nur ihre Vorderseite wahr – und die Menschen unten sahen natürlich auch nur ihre Vorderseite, ebenso beim Fliegen. Deshalb wusste sie nicht, dass sie schon von der Schwanzspitze bis zum Scheitel sichtbar geworden war.

 

Eines Nachmittags beschloss sie, wieder einmal zum Wald am Stadtrand zu fliegen, um sich dort ein bisschen zu sonnen. Dort angekommen, lehnte sie sich auf einer kleinen Lichtung an einen Baum, schloss die Augen und ließ sich die Sonne auf den Bauch scheinen. Es war ganz ruhig, nur die Insekten summten und die Bäume raschelten mit ihren Blättern. Sie entspannte sich und begann zu dösen. Auf einmal hörte sie jemanden singen, ganz laut, ganz nah. Erschreckt öffnete sie die Augen – und sah vor sich ein weißes Rentier, das mit geschlossenen Augen da stand und aus voller Brust ein französisches Chanson schmetterte. Die Drachin starrte den Rentier-Mann erstaunt an – ein weißes Rentier hatte sie noch nie gesehen – und noch dazu eines, das singen konnte. Das Lied hatte sie schon mal irgendwo gehört, es gefiel ihr, es berührte ihr Herz. Ihr Herz öffnete sich ein wenig – und dadurch wurde ihr Kopf sichtbar, ohne dass ihr das bewusst gewesen wäre.
Der Rentier-Mann hatte sein Lied beendet und öffnete die Augen – und sah ihr direkt ins Gesicht. Zumindest kam ihr das vor – aber sie war doch unsichtbar, er konnte sie doch gar nicht sehen, oder? Entsetzt hielt sie die Luft an – er sah sie aber, das konnte sie an seinem Blick erkennen. Er lächelte sie sogar an, legte die Hand aufs Herz, verbeugte sich mit einem Augenzwinkern und fragte: „Ist es erlaubt, näher zu treten?“  Sie konnte ihn nur entsetzt anstarren. Sie fühlte, dass sie rot wurde – noch röter als ihre übliche Gesichtsfarbe. Wie peinlich!
Er schien nichts davon zu bemerken oder es machte ihm nichts aus. Er hatte noch nie einen Drachen gesehen – und vor allem noch keinen in der Luft schwebenden Drachenkopf. Aber er ließ sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen – und mit Unsichtbarkeit kannte er sich aus.
Er trat einen Schritt näher, setzte sich vor sie auf die Wiese und lächelte sie freundlich an. Sie versuchte, tief Luft zu holen. Beim Ausatmen kam eine kleine Rauchwolke aus ihrem Maul – sprechen konnte sie noch immer nicht. Er ließ sich davon nicht abschrecken. Er sah ihr aufmerksam in die Augen und sagte: „Ich sehe viel Trauer in Deinen Augen, das tut mir leid. Magst Du mir die Ursache für diese viele Trauer erzählen?“ Entsetzt merkte sie, dass ihr Tränen in die Augen stiegen – auch das noch! Dabei konnte sie sich gar nicht mehr erinnern, wann sie zuletzt geweint hatte – das musste schon Jahrhunderte her sein – sie hatte es verlernt – zumindest glaubte sie das.
Mit einer fließenden Bewegung war er aufgestanden, hatte sich neben sie gesetzt und legte ihr nun seinen Arm um die Schultern. „Du kannst ruhig weinen, ich bin da“, sagte er. Und da konnte sie ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Sie legte den Kopf an seine Brust, er hielt sie umfangen, wiegte sie und murmelte beruhigende Worte. Als keine Tränen mehr da waren, setzte sie sich langsam wieder aufrecht. Sie spürte, dass ihr Herz viel leichter geworden war. Und als sie seinen erstaunten Blick wahrnahm, wurde ihr bewusst, dass sie bis zum Bauch sichtbar geworden war. Sie holte tief Luft und beim Ausatmen kam wieder eine Rauchwolke aus ihrem Maul, eine größere diesmal. Sie räusperte sich – und merkte, dass ihr vertrautes kratzig-trockenes Gefühl im Hals zwar noch da war, sich aber nicht mehr ganz so unangenehm anfühlte wie gewohnt. Sie versuchte ihn anzulächeln, was ihr ganz gut gelang. „Danke“, sagte sie. Und dann erzählte sie ihm, dass sie nicht mehr Feuer spucken konnte, obwohl das doch das Natürlichste für einen Drachen sei. Und dass sie sich in ihrer Kindheit unsichtbar gemacht habe – was damals notwendig gewesen war, um verschiedene bedrohliche Situationen zu überleben – was aber jetzt eher hinderlich sei. Dass sie versucht habe, sich wieder sichtbar zu machen, es ihr bis jetzt aber nicht so wirklich gelungen sei, nicht dauerhaft, immer nur für kurze Momente. Dass sie auf der Suche nach einer Heimat nach Paris gekommen sei, sich hier auch sehr wohl fühle – obwohl noch immer diese Trauer in ihr sei – oder besser gesagt, gewesen sei – wie sie erstaunt feststellte. Ihr Herz fühlte sich im Moment ganz leicht an.
Der Rentier-Mann hatte sie die ganze Zeit an der Hand gehalten und ihr aufmunternd, anteilnehmend und verständnisvoll in die Augen geschaut. „Erzähle mir auch etwas von Dir“, bat sie ihn nun. „Wie Du siehst, bin ich ein weißes Rentier. In meiner Heimat in Lappland hat mich das zur Unsichtbarkeit verdammt  – in der Schneelandschaft dort konnten mich die anderen Rentiere nicht sehen. Ich bin ein sehr gefühlvolles Rentier und habe mich sehr einsam gefühlt. Also begann ich zu singen, um meine Gefühle auszudrücken. Aber das war den anderen Rentieren gar nicht recht. Rentiere sind sehr meditative Tiere. Sie sind den ganzen Tag auf Futtersuche in einer weiten, einsamen Landschaft – und sie lieben diese Weite und Stille. Und bei jedem Lied, das ich gesungen habe, sind sie erschrocken – weil sie ja nicht wussten, wo ich mich gerade aufhielt. Und immer wieder gab es Konflikte deswegen. Also beschloss ich auszuwandern und einen Platz zu suchen, wo ich so sein kann, wie ich bin. Hier in Paris habe ich diesen Platz gefunden. Hier bin ich sichtbar für die anderen. Das Singen stört niemanden, im Gegenteil – ich habe hier schon viele neue Lieder gelernt. Und hier gibt es so viele verschiedene Lebewesen – sie leben einfach neben- und miteinander und akzeptieren ihre Verschiedenheit. Es macht ihnen nichts aus, wenn jemand anders ist. Und deswegen fühle ich mich sehr wohl hier.“
Und so erzählten sie einander aus ihrem Leben. Inzwischen war es dunkel geworden, der Mond stand schon am Himmel. Und sie erzählten noch immer und hielten einander dabei umfangen – bis sie schließlich erschöpft einschliefen, fest aneinander gekuschelt.
Als es am Morgen zu dämmern begann, erwachte die Drachin. Sie öffnete die Augen und musste gähnen. Dabei schoss ein Feuerstrahl aus ihrem Maul. „Wowww!“ hörte sie ihn neben sich ausrufen, „kannst Du das bitte nochmals machen?!“ Noch ganz schlaftrunken holte sie tief Luft – und beim Ausatmen kam wieder ein Feuerstrahl aus ihrem Maul. Sie war fassungslos. Sie räusperte sich – und merkte, dass da nichts war – kein komisches unangenehmes Gefühl im Hals. Sie setzte sich auf, holte nochmals tief Luft – und produzierte ganz bewusst einen neuerlichen Feuerstrahl. „Das ist echt super“, staunte sie. Und plötzlich merkte sie, dass ihr ganzer Körper sichtbar war. Nicht nur sichtbar – er strahlte aus lauter kleinen rötlichen Lichtpunkten – wie lauter kleine Rubine. Sie sah zu ihrem Rentier-Mann an ihrer Seite. Er lachte sie voller Bewunderung an. Plötzlich wurde ihr bewusst, dass auch sein Fell strahlte – weiß leuchtend.  Ungläubig schüttelte sie den Kopf – und dann fielen sie einander ganz fassungslos in die Arme und lachten und weinten gleichzeitig vor Glück. Dann saßen sie nebeneinander, umarmten sich und bemerkten, dass die Sonne schon bereit war, aufzugehen. Der Himmel begann bereits, sich rötlich zu färben. „Ich muss meinen täglichen Rundflug machen“, sagte die Drachin. „Und auf mich warten meine Singübungen “, antwortete er. Sie umarmten einander nochmals, verabredeten, sich zu Mittag wieder auf ihrer Lichtung zu treffen und die Drachin erhob sich in die Luft. Sie flog im Licht der aufgehenden Sonne über die Stadt, die langsam erwachte. Als sie zur Notre Dame kam, wurden gerade die Kirchentore geöffnet. Auf dem Platz vor der Kathedrale hatten sich schon die täglichen Menschenschlangen gebildet, lauter Besucher, die die Kirche besichtigen wollten.
Diesmal landete die Drachin nicht auf dem Dach, sondern mitten auf dem Platz. Ein lautes „Ohhh!“ ging durch die Menschenmassen, als die Drachin vom Himmel kam. Sie stellte sich mit ausgebreiteten Flügeln auf den Kirchenplatz, mit Blick auf ihre geliebte Notre Dame – die sie immer wie das große, vor Liebe pulsierende Herz von Paris empfunden hatte. Sie atmete tief durch und beim Ausatmen kam ein wunderschöner Feuerstrahl aus ihrem Maul – der wieder ein lautes „Ohhh!“ auslöste. Obwohl sie von so vielen Menschen umgeben war, hatte sie keine Platzangst. Sie fühlte sich geschützt von ihrem Schutzmantel aus leuchtenden, rot glitzernden Lichtpunkten – jeder Leuchtpunkt erfüllt von Liebe, Mitgefühl, Dankbarkeit, Geborgenheit, Selbsterkenntnis, Wertschätzung und Verständnis für sich und alle anderen. Ihr Herz war weit geöffnet – erfüllt von Liebe. Sie fühlte sich verbunden – mit sich und mit den anderen. Sie war endlich an diesem Ort angekommen, den sie ihr ganzes Leben lang gesucht hatte – bei sich selber, tief in ihrem Herzen – endlich war sie wirklich zu Hause.

 

*  Der Tausendfüßler:
Ein Märchen  über das „Loslassen“ – etwas, was mir persönlich sehr schwer fällt.
Das Loslassen von negativen Gedanken, vom Leistungsdenken, vom Glauben, funktionieren zu müssen, sich Liebe verdienen zu müssen.

Es war einmal ein Tausendfüßler.
Er war sehr unglücklich und unzufrieden mit seinem Leben.

Er wollte so gerne schwimmen können, aber irgendwie hatte er zu viele Füße dafür. Sie kamen ihm dabei immer wieder durcheinander und dann ging er unter.
Es war wirklich zum Verzweifeln.
Jeden Tag kroch er zum Fluss und machte einen neuen Versuch und jedes Mal wieder verhedderten sich seine Füße total und er ging wieder unter.

Er war nur mehr deprimiert und konnte an nichts anderes mehr denken, nur ans Schwimmen und dass er es doch diesmal endlich schaffen würde.
Und wieder ging er unter. Und wieder kroch er zum Fluss und wieder ging er unter.
So ging das eine Zeitlang.
Er wurde immer dünner. Er wurde immer grantiger und trauriger und verzweifelter und wütender. Er wollte mit den anderen Tausendfüßlern nicht mehr reden, er wollte nicht mehr lachen, er wollte endlich schwimmen können.
Ohne schwimmen zu können erschien ihm das Leben ohne Sinn und einfach nicht lebenswert.
Er konnte an nichts anderes mehr denken, von nichts anderen mehr reden.
Er nahm nichts mehr von der Welt wahr außer der Tatsache, dass er noch immer nicht schwimmen konnte.
Die anderen zogen sich immer mehr von ihm zurück.
Wenn sie ihn, wie jeden Tag, wieder zum Fluss kriechen sahen, schüttelten sie die Köpfe über ihn. Sie verstanden ihn nicht. Warum musste er sich das Leben nur so schwer machen?
Gerne hätten sie mit ihm geplaudert und eine Wanderung gemacht oder ihn eingeladen, einander die Füße zu streicheln.
Das war nämlich die Hauptbeschäftigung der Tausendfüßler – einander die Füße streicheln. Damit verbrachten sie den Großteil des Tages.
Aber es war nicht möglich, mit dem Tausendfüßler zu reden. Er konnte nur ans Schwimmen denken und dass es doch nur endlich gelingen möge.

Eines Tages nun kroch er wieder zum Fluss.
Er war inzwischen immer langsamer geworden, er war schon so müde.
Manchmal blieb er stehen und wünschte sich, einfach liegen zu bleiben und zu sterben, um nicht mehr kriechen zu müssen, nicht mehr frustriert zu werden, einfach nicht mehr leben zu müssen.
Er ließ den Kopf hängen beim Kriechen, schaute nicht nach rechts und links, kroch nur einfach langsam vor sich hin Richtung Fluss.
Wie er da so kroch – langsam und mutlos – hörte er plötzlich eine Stimme:
„Tausendfüßler“, sagte sie, „Tausendfüßler, bleib doch einmal stehen.“
Er blieb stehen, müde und mutlos wie er war. Den Kopf hob er nicht, er war so unendlich müde. Wer wollte nun schon wieder etwas von ihm? Warum hatte er es nur so schwer, warum immer er?
Er hörte wieder die Stimme:„ Tausendfüßler, schau doch her!“
Widerwillig hob er den Kopf.
Vor ihm, mitten am Weg, saß eine große, dicke Kröte. Sie war dunkelrot, hatte einen schwarzen Haarschopf mit einer Perlenkette drum herum. Aber was am auffälligsten an ihr war, waren ihr großer, breiter, lachender Mund und ihre Augen, die nur so glitzerten und glänzten vor lauter Vergnügen.
Der Tausendfüßler war beleidigt. Da saß sie mitten im Weg, hielt ihn auf und lachte ihn noch dazu aus.
Er beschloss, sie einfach zu ignorieren und um sie herumzukriechen.
Aber sie sagte: „Sei doch nicht so dumm, ich lache Dich nicht aus, ich will Dir helfen. So kann das doch nicht weitergehen mit Dir. Ich bin die Flussgöttin. Ich hätte Dir ja schon längst geholfen, aber ich habe erst gestern von Dir erfahren. Es gibt ja so viele Wesen auf der Welt, die meine Hilfe brauchen. Sie sind alle so verbohrt und wollen die Wahrheit einfach nicht sehen, obwohl sie vor ihrer Nase liegt. Komm mit, ich will Dir etwas zeigen.“
Sie streckte ihren Arm aus und hob den Tausendfüßler hinauf und legte ihn sich um den Hals. Dann sprang sie mit ihm zum Fluss.
Der Tausendfüßler hielt sich erschrocken fest und wusste nicht, wie ihm geschah.
Beim Fluss angekommen, ließ sie ihn in ihren Schoß gleiten und nahm ihn in den Arm. Sie wiegte ihn hin und her, sang ihm ein Lied vor und schön langsam begann der Tausendfüßler, sich zu entspannen. Ein Fuß nach dem anderen entspannte sich, bis der Tausendfüßler so entspannt war, dass er einschlief.

Er hatte einen Traum:
Er träumte, dass er ganz entspannt im Wasser dahinglitt, dass das Schwimmen ganz von allein geschah, er hatte das Gefühl, zu schweben, zu fliegen, zu gleiten. Es war wunderschön und es ging ganz leicht.

Als er die Augen wieder aufschlug, sah er direkt vor sich die Augen der Kröte, liebevoll und eindringlich auf ihn gerichtet. Und sie sagte zu ihm: „Jetzt weißt Du, wie das Schwimmen geht, oder? Jetzt hast Du es erlebt. Komm, jetzt schwimmen wir gemeinsam.“
Und sie ließ ihn ganz langsam und leicht ins Wasser gleiten. Und der Tausendfüßler war ganz entspannt, fühlte sich geschützt und getragen und sicher, und auf einmal konnte er schwimmen. Es ging ganz leicht, wie von selbst. Und er merkte, wie sich sein Gesicht veränderte, die Mundwinkel gingen ganz langsam nach oben, er musste lachen. Seine Augen begannen zu strahlen, er merkte, wie seine Energie wieder zurückkam. Er war nicht mehr müde, er fühlte sich stark und lebendig. Er war glücklich.
Er schwamm zurück zur Kröte und sie half ihm ganz behutsam aus dem Wasser und hielt ihn noch einmal in ihren Armen. Er fühlte sich wie ein Baby, geborgen, warm, sicher, glücklich.
Er kroch wieder zurück zu seinen Freunden.
Der Weg kam ihm auf einmal so kurz vor, und so hell und so schön.
Und wie er sich auf einmal freute, seine Freunde wieder zu sehen, wie er sie auf einmal wieder liebte und wie gern er ihnen wieder die Füße streichelte und sich seine Füße streicheln ließ.

Am nächsten Tag kroch er wieder zum Fluss.
Aber bevor er ins Wasser ging, dachte er an die Kröte und dankte ihr.
Dann ließ er sich ins Wasser gleiten und hatte das Gefühl, vor Lebensfreude fast platzen zu müssen.

* Die Schneegans:
Ein Märchen  über die Entwicklung der Selbstliebe.

Es war einmal eine Schneegans.
Sie trug ein schneeweißes Federkleid wie alle Schneegänse.
Sie hatte einen roten Schnabel und rote Schuhe, wie alle Schneegänse.
Sie hatte einen roten Schal um den Hals geschlungen, wie alle Schneegänse.

Was bei ihr anders war als bei den anderen Schneegänsen, war:
sie trug einen dicken roten Pullover, ihr war immer furchtbar kalt.

Es ist halt so, wenn man in Grönland lebt, muss man damit rechnen, dass es kalt ist. Das weiß man, wenn man dort lebt.
Und es ist so, dass den Schneegänsen ja an sich nicht kalt ist. Ihr Federkleid ist sehr dicht, die Haut gut gepolstert. Ihnen ist immer angenehm warm.

Nur dieser einen Schneegans, der mit dem roten Pullover, der war immer kalt. Obwohl sie diesen dicken roten Pullover trug, war ihr kalt.

Die anderen verstanden das nicht. Sie waren eben richtige Schneegänse, so wie sich das gehört.
Sie hatten immer allerlei gute Ratschläge für sie: sich mehr bewegen, ein bisschen Schnaps trinken, tief atmen, kneippen.
Die Schneegans, der immer kalt war, probierte alles aus, was ihr die anderen vorschlugen. Aber nichts half. Ihr war einfach immer kalt.

Noch dazu war der rote Pullover oft auch hinderlich.
Beim Fliegen störte er, sie konnte sich dann nicht mehr so gut bewegen. Und wenn sie ihn auszog und ihn sich um den Bauch band, war das auch ziemlich unbequem. Aber zu Hause lassen konnte sie ihn auch nicht. Sobald sie gelandet war, musste sie ihn ja sofort wieder anziehen.
Auch war der Sinn der weißen Tarnfarbe irgendwie dahin, wenn man einen roten Pullover trug. Man fiel dann immer sofort auf, etwas, was sie eigentlich gern vermieden hätte.
Irgendwie war das Ganze schwierig.

Aber warum war ihr eigentlich so kalt?
Tief drinnen wusste sie das natürlich, sie war ja eine sensible Schneegans.
Aber sie wollte nicht darüber reden, weil sie Angst hatte, ausgelacht zu werden.
Ihr war kalt, weil sie Angst hatte.
Angst vor allem Möglichen: Angst, abgelehnt zu werden, Angst, nicht angenommen zu werden, Angst, zu versagen, Angst, verletzt zu werden, Angst, nicht verstanden zu werden.
Ihr war kalt, weil sie sich nicht „zu Hause“ fühlte in der Welt, mit den anderen. Sie kam sich immer irgendwie allein und anders vor.
Besonders mit dem dicken roten Pullover, der war ja direkt ein äußeres Zeichen ihrer Angst.
Das, was ihr fehlte, war Wärme. Aber Herzenswärme und körperliche Nähe.
Aber das verstanden die anderen nicht, sie hatten immer nur Ratschläge für sie, statt sie einfach zu umarmen. Sie kamen sich immer gescheiter und besser vor als sie, anstatt ihr Mitgefühl entgegenzubringen.
Und der Schneegans wurde immer kälter.

Eines Tages machte sie einen langen Spazierflug, um nachzudenken.
Sie wusste, sie musste etwas verändern in ihrem Leben, aber was?
Sie beschloss, den Schneegans-Schamanen aufzusuchen, um ihn um Rat zu bitten.
Dieser hörte ihr geduldig zu. Dann umarmte er sie lange, schaute ihr liebevoll in die Augen und sagte: „Ich weiß, wer Dir helfen kann, wer Dir diese Liebe geben kann, die Du so dringend brauchst. Ich werde Dir ein Bild von ihm geben, damit Du weißt, wen Du suchen musst.“
Und er gab ihr einen Spiegel.
Die Schneegans schaute in den Spiegel und dort sah sie sich selbst.
Und da verstand sie, dass sie zuerst sich selber lieben und annehmen müsste, anstatt das von den anderen zu erwarten.
Sie begann zu weinen. Je mehr sie weinte und je mehr sie sich dabei selbst annahm und umarmte, umso wärmer wurde ihr. So warm, dass sie den Pullover ausziehen musste.
Als sie die Augen wieder öffnete, spürte sie, dass sich etwas in ihr verändert hatte. Ihr Herz war viel leichter geworden und sie fühlte sich viel sicherer und zufriedener.
Der Schamane stand noch immer vor ihr und nahm sie nochmals in die Arme.
Er sagte: „Du kannst mir Deinen Pullover geben, ich bewahre ihn für Dich auf, falls Du ihn nochmals brauchen solltest. Aber ich glaube nicht, dass das der Fall sein wird.“
Die Schneegans gab ihm den Pullover und bedankte sich.
Der Schamane gab ihr ein kleines, rotes Herz, das sie sich an einem Band um den Hals hängen konnte – zur Erinnerung an das, was geschehen war.
Dann flog sie zurück zu den anderen.
Sie ging zu jeder Schneegans hin, umarmte sie, dankte ihr für ihr Dasein und sagte zu jeder: „Ich hätte gern, dass wir uns mehr umarmen, mehr miteinander reden, mehr Verständnis füreinander haben, mehr füreinander da sind. Und – ich habe Dich sehr lieb.“

Die Schneegänse waren alle sehr erstaunt und die meisten waren sehr berührt.
Und irgendwie war die Stimmung zwischen ihnen auf einmal verändert,  irgendwie weicher, zärtlicher, liebevoller.
Und das blieb auch so, weil die Schneegans nicht mehr wartete und erwartete, sondern einfach auf die anderen zuging und ihnen ihre Liebe anbot, und weil sie nie wieder damit aufhörte, sich selbst zu lieben.

*  Das Krokodil:
Dieses Märchen erzählt vom „Kuscheln“.

Es war einmal ein Krokodil.
Auf den ersten Blick sah es aus wie alle Krokodile. Es hatte ein großes Maul mit scharfen Zähnen und einen starken Schwanz und vier kleine Füße zum Kriechen und Schwimmen. Die Farbe von seinem Panzer war ein bisschen anders, aber das sah man nur, wenn man ganz genau hinschaute. Dieses Krokodil war nicht braungrün wie seine Gefährten, sondern schillerte in allen Regenbogenfarben. Noch ein großer Unterschied, den man auch nicht auf den ersten Blick bemerkte, war, dass es nur Kuchen aß. Und noch etwas war anders mit diesem Krokodil. Seine Lieblingsbeschäftigung war Kuscheln. Es wollte am liebsten ganzen Tag mit allen Tieren, die es traf, nur kuscheln.
An sich wäre das ja kein Problem gewesen. Weil es ja so ist, dass sowieso alle Tiere gern kuscheln. Das Problem lag darin, dass das Krokodil gar nicht dazu kam, seinen Kuschelwunsch zu äußern. Wenn es sich einem anderen Krokodil näherte, hatte dieses Angst, es könnte ihm die Beute vor der Nase wegschnappen und jagte es davon. Wenn sich das Krokodil einem Beutetier näherte, hatte dieses Angst, gefressen zu werden und flüchtete. Irgendwie stand das Krokodil immer allein da und verstand die Welt nicht mehr. Es stopfte sich dann mit Kuchen voll, mehr, als ihm eigentlich gut tat. So ging das eine Zeitlang. Bis das Krokodil so frustriert war, dass es wusste, es musste sich eine andere Strategie überlegen. Aber was? Immer, wenn es nicht weiterwusste, legte es sich seine Lieblingsmusik auf und begann zu tanzen. Das half immer, das beruhigte und zentrierte und da kamen ihm immer die besten Ideen.
So auch diesmal. Das Krokodil beschloss, die anderen Tiere einfach zum Tanzen einzuladen. Da ergibt sich das Kuscheln von selbst. Da braucht man nicht lange reden und erklären. Also begann es, Einladungen zu verteilen. Dann spielte es Musik und begann zu tanzen. Schön langsam kamen auch die anderen Tiere. Manche vergnügt, manche vorsichtig, manche selbstbewusst, manche zaghaft. Manche tanzten einfach mit. Andere schauten erst mal zu und warteten ab. Aber irgendwann konnte niemand mehr der Musik widerstehen. Schließlich tanzten alle. Schön langsam entspannten sich alle und vergaßen auf ihre Ängste und Vorbehalte. Sie begannen, nicht nur allein, sondern auch miteinander zu tanzen. Sie machten keine Unterschiede mehr. Jeder tanzte mit jedem. Irgendwann wurden sie müde. Einer nach dem anderen legte sich auf den Boden, um sich auszuruhen. Als alle auf dem Boden lagen, rückten sie näher, um einander zu spüren. Irgendwann lagen alle zu einem großen Kuschelnest vereint auf dem Boden und ruhten sich gemeinsam aus. Das Krokodil aber lag ganz in der Mitte und war glücklich. Nun konnte es mit allen Tieren gleichzeitig kuscheln.

*Das Eichhörnchen und der Marder
(einander annehmen und daran wachsen)

Es war einmal ein Eichhörnchen.
Es war flink, behende und scheu, so wie alle Eichhörnchen.
Ihr Fell war ein bisschen rötlich, vor allem in der Sonne.
Wie alle Eichhörnchen sprang es ganzen Tag von Baum zu Baum und sammelte Nüsse.
Was bei ihr ein bisschen anders war, war, dass sie besonders empfindsam, sensibel und empfindlich war. Sie spürte alles ganz besonders stark, die körperlichen und seelischen Erlebnisse und die angenehmen und unangenehmen Gefühle und sie brauchte immer ganz lang, um alle diese Ereignisse zu verarbeiten.
Eines Tages verfehlte sie einen Ast und fiel vom Baum.
Das war ihr vorher noch nie passiert.
Sie war sonst immer sehr konzentriert und achtsam.
Diesmal war es anders gewesen. Einen kurzen Moment nicht ganz bei der Sache, abgelenkt, mit den Gedanken woanders, müde….Was auch immer der Auslöser gewesen war, sie fiel vom Baum, landete ziemlich unsanft auf dem Boden und verlor dabei alle ihre Nüsse.
Gott sei Dank war der Boden nicht steinig, sondern ein weicher Waldboden, was den Aufprall ein bisschen milderte.
Trotzdem tat ihr alles weh und sie hatte einen ziemlich großen Schock. Außerdem hatte sie ihren ganzen Vorrat verloren.
Also blieb sie erst einmal liegen und versuchte, sich wieder zu sammeln.
Schließlich raffte sie sich auf und lehnte sich an einen Baum und versuchte, sich darüber klar zu werden, was sie nun tun sollte. Sie konnte noch nicht klar denken und auch noch nicht klar fühlen, sie war total durcheinander.Auf einmal sah sie 2 Augen vor sich, die sie genau musterten. Sie fuhr erschrocken zusammen und sah vor sich einen Marder, der sie aus klugen schwarzen Augen liebevoll anblickte. Sie schaute zurück und fühlte sich seltsam getröstet. Er sagte „ das wird schon wieder!“, mit einer Stimme, die sanft und einschmeichelnd klang, irgendwie heilsam, wie leise Musik. Sie schloss einen Moment lang die Augen und lauschte dieser Stimme. Dann öffnete sie wieder die Augen und betrachtete ihr Gegenüber genauer.
Er war ein Marder, schön, geschmeidig, mit dichtem Fell, stark und lebendig.
Noch immer stand er vor ihr und lachte sie an. Da merkte sie plötzlich, was an ihm anders war als an anderen Mardern.
Er hatte einen langen, weichen, roten Schal um den Hals geschlungen. Und sie bemerkte, dass der Schal angewachsen war, am Rücken, an dieser Stelle kurz unter dem Nacken, wo die Engels-Flügel angewachsen sind. Diese Engels-Flügel, die ja jeder hat, die aber meist unsichtbar sind und noch öfter dem Besitzer nicht einmal bewusst. Aber bei ihm waren sie nicht unsichtbar, sondern zeigten sich als roter Schal und ihm war bewusst, was er da trug, denn er begann, den Schal zu lösen. Dann setzte er sich neben sie und legte ihr einen Teil des langen Schals um die Schultern.
Das Eichhörnchen fühlte sich auf einmal viel besser, leichter, getröstet, geborgen, gehalten, geliebt, zu Hause. Sie atmete einige Male tief durch, lehnte dann den Kopf gegen seine Schulter und ließ sich einfach halten.
So saßen sie eine Zeitlang.
Dann sagte das Eichhörnchen. Ich muss nun wieder auf die Bäume klettern, neue Nüsse sammeln, wieder von vorn anfangen.
Und der Marder sagte, ich muss meinen Bau aufräumen, Autokabel durchbeißen, vor Katzen und Hunden davonlaufen.
Dann sahen sie einander erstaunt an, weil ihnen auf einmal bewusst geworden war, wie verschieden sie doch waren und wie verschieden sie lebten.
Und sie wussten nicht, was nun werden sollte.
Der Schal lag noch immer um ihrer beider Schultern.
Der Marder sagte: „mache Dir doch das Leben nicht so schwer, Du brauchst nicht auf Bäume zu klettern, wenn da die Gefahr besteht, dass Du runter fällst und Dich verletzt.“ Und das Eichhörnchen sagte: „ Du brauchst Dich auch nicht von Hunden und Katzen jagen zu lassen und Angst zu haben, dass sie Dich erwischen und Autokabel durchbeißen und Angst zu haben, dass das Auto auf einmal davonfährt“.
Und es wurde ihnen bewusst, dass sie den anderen so lassen mussten, wie er nun einmal war. Das Eichhörnchen würde nie ein Marder werden und in einem Bau leben und der Marder würde nie wie ein Eichhörnchen von Baum zu Baum springen.
Aber sie hatten sich sehr lieb gewonnen, wollten einander nicht wieder verlassen und wollten weiterhin den roten Schal miteinander teilen.
Also beschlossen sie, eine gemeinsame Lösung zu finden.
Das Eichhörnchen suchte sich einen Baum, der ganz in der Nähe vom Bau des Marders gelegen war. Der Marder baute sich einen neuen Bau am Fuß des Baumes und trug seine Sachen dorthin.
Dann sprang sie von Baum zu Baum und er ging Autokabel durchbeißen und vor Hunden und Katzen davonlaufen.
Und am Abend setzten sie sich gemeinsam unter den Baum und der Marder legte seinen roten Schal um ihrer beider Schultern und sie betrachteten den Mond und die Sterne, erzählten einander ihre Erlebnisse und fühlten sich einfach wohl.
Und eines Tages bemerkte das Eichhörnchen, dass auch ihre Engelsflügel begonnen hatten, sichtbar zu werden.

* Das Lama.
(empfindsam sein)

Es war einmal ein Lama.
Es war freundlich und geduldig so wie alle Lamas.
Es hatte ein wuscheliges, weiches, flauschiges Fell, so wie alle Lamas.
Das Fell  war zwar ein bisschen rötlich gefärbt, nicht bräunlich wie bei den anderen, aber das fiel eigentlich überhaupt nicht auf.
Es war wirklich ein ganz normales Lama.
Natürlich kam es hin und wieder vor, dass es spuckte, wenn es sich ärgerte oder gestört fühlte. Aber das machen ja alle Lamas.
Was bei ihm allerdings auffallend und anders war, war, dass es statt Spucke Seifenblasen produzierte. Richtig schöne, zarte, schillernde Seifenblasen in allen Größen.
An sich wäre das ja kein Problem gewesen. Im Gegenteil. Es war ja sehr schön anzuschauen, wenn aus seinem Maul diese Seifenblasen empor schwebten. Je nachdem, wie groß sein Ärger war, variierte auch die Größe der Seifenblasen.
Den anderen Tieren blieb immer das Maul offen stehen vor Staunen, wenn sie diese Seifenblasen zum ersten Mal sahen.
Aber natürlich gewöhnten sie sich dran.
Und irgendwann wussten sie, dass sie dieses Lama ohne Gefahr ärgern konnten, weil sie ja nicht angespuckt wurden – Anspucken lässt sich ja niemand gern.
Aber ein merkwürdiges Gefühl hatten sie schon dabei, eines, das ihnen eher unbekannt war. Sie schämten sich ein bisschen. Und das kam nicht so oft bei ihnen vor.
Seifenblasen geschenkt zu bekommen anstatt angespuckt werden, wenn man sich blöd benommen hat, das ist ja schon ein irgendwie ungewöhnliches Erlebnis.
Und ganz langsam, fast unmerklich, veränderten sich die Tiere, die dem rötlichen Lama nahe kamen. Sie wurden alle ein wenig achtsamer, vorsichtiger, liebevoller, ruhiger, rücksichtsvoller.
Da der Umgangston unter den Tieren dadurch ganz langsam sanfter und weicher wurde, fühlten sich alle irgendwie wohler und geborgener.
Und schön langsam, nach und nach, versuchten auch die anderen Lamas, Seifenblasen statt Spucke zu produzieren.

MAGISCHE LIEDER.
Es war einmal eine Baumelfe.
Sie wohnte in einem uralten hohlen Baum – einer Platane – mitten im Wald auf einer sonnenbeschienen Lichtung.
Die Baumelfe war ein winziges Stück größer als andere Baumelfen – sie erreichte ungefähr die Spannweite einer Männerhand. Ihre seidigen, silberweißen Haare fielen in sanften Wellen über ihren Rücken bis zu den Hüften. Sie hatte hellbraune Haut, moosgrüne Augen und trug ein silbrig glänzendes, durchscheinendes, blassgrünes  Kleid. Aus den Schulterblättern wuchsen zwei zarte, goldglänzende Flügel – so durchscheinend, dass sie fast durchsichtig wirkten.
Sie war ungefähr 777 Jahre alt, so ganz genau wusste sie das nicht. (Zur Information: Das sind ungefähr 55 Menschenjahre). Sie hatte also jenes Alter erreicht, in dem Baumelfen bereit sind, ihr Wissen mit den Menschen zu teilen.

Im Inneren ihres Haus-Baumes lag ein Teppich auf dem Boden – gewirkt aus Goldfäden. Darauf häuften sich Platanen-Blätter. Aber das waren keine gewöhnlichen getrockneten Blätter mehr, es waren magische Notenblätter.

Wenn nun ein Mensch, der traurig und hoffnungslos war, mit der Bitte um Hilfe zu ihr kam, geschah folgendes: Sobald dieser Mensch die Lichtung erreicht hatte und den riesigen Baum in der Mitte erblickte, blieb er unweigerlich staunend stehen – und fühlte sich schon etwas besser. Er hatte das Gefühl, einen magischen Raum betreten zu haben. Aufseufzend ließ er sich dann neben dem Baum auf den Boden sinken, lehnte sich mit dem Rücken gegen den mächtigen Stamm, schloss die Augen und genoss die Stille des Waldes, eingehüllt vom sanften Rascheln der Blätter der Platane.

Die Baumelfe schwebte sogleich zu dem Ast direkt oberhalb des Ratsuchenden und – in den Blättern verborgen – begann sie zu singen. Mit ihrer leisen und sanften Stimme sang sie eine ihrer märchenhaften Geschichten – diejenige, die sie speziell für ihn ausgesucht hatte.
(Sie hatte mit geschlossenen Augen aus dem Laubhaufen das für diesen Menschen richtige Notenblatt hervorgezogen, auf dem die Geschichte verzeichnet war, die er jetzt gerade brauchte).

Wenn das Lied zu Ende war, blies sie auf das Blatt in ihrer Hand. Das Blatt zerfiel zu Goldstaub. Und dieser Goldstaub landete auf dem Kopf des entspannt lauschenden Menschen unter ihr. In diesem Moment erkannte dieser die Lösung für sein Problem und ging dankbar, gestärkt und erfüllt wieder nach Hause.
Für die meisten Menschen blieb sie unsichtbar. Aber manchmal – ganz selten – kam ein Mensch, der sie wahrnehmen konnte – das war dann immer ein besonders schöner und magischer Moment für beide.

Hinter der riesigen Platane war eine sprudelnde Quelle.
Jedes Mal zur Zeit der Vollmondin schwebte die Baumelfe zur Quelle, legte ihr Kleid ab, wusch sich mit dem klaren Wasser, in dem sich die Mondin spiegelte – und dann tanzte sie rund um ihren Baum.
Und während sie tanzte, schenkte ihr die Göttin des Waldes ein magisches Märchen. Diese zauberhafte Geschichte formte sich auf einmal, scheinbar ganz von selbst, im Herzen der Baumelfe und stieg auf in ihren Kopf. Sie bannte das Märchen sodann in ein Platanenblatt und legte es auf den goldenen Teppich. Dort wartete es dann mit den vielen anderen Blättern darauf, für denjenigen Menschen gesungen zu werden, für den es bestimmt war.

 

Eines Tages, sie war gerade damit beschäftigt, den Haufen mit den Platanenblättern aufzuschütteln, hörte sie ein merkwürdiges Geräusch. Sie schwebte hinaus – und unter dem schützenden Blätterdach verborgen, spähte sie hinunter auf die Lichtung.

Ein junges Mädchen hatte sich durch das Gebüsch gezwängt und betrat gerade die Wiese. Sie trug ein rotes Kleid, ihre langen, schwarzen Locken flossen ihren Rücken hinab. Sie bewegte sich anmutig und leichtfüßig. In der Hand trug sie einen merkwürdigen, runden Gegenstand, den die Baumelfe noch nie gesehen hatte. Wenn das Mädchen das Tamburin – denn um ein solches handelte es sich – sanft schüttelte, entstand ein klingendes, schepperndes Geräusch. Wenn sie mit der zweiten Hand auf die glattbespannte Oberfläche schlug, war ein rhythmischer Ton zu hören, der zum Tanzen einlud. Und das war auch das, was das Mädchen machte: Sie ging nicht, sie tanzte – jeder Schritt war ein Tanzschritt. Und um ihre schmalen Fesseln hatte sie Glöckchen gebunden, die bei jedem Schritt sanft klingelten – wie die Baumelfe entzückt bemerkte.

Ein Stück vor der Platane blieb das Mädchen stehen und sah bewundernd zu dem riesigen Baum hinauf. Dann verneigte sie sich vor dem Baum, vollführte eine anmutige Drehung um sich selbst – und begann zu tanzen.
Die Baumelfe sah ihr wie gebannt zu. Plötzlich wurde ihr bewusst, dass der Tanz des Mädchens ein Lächeln auf ihr Gesicht gezaubert hatte – und kopfschüttelnd erkannte sie, dass ihr die Menschen, die zu ihr kamen, nur sehr selten ein Lächeln entlocken konnten.

Das Mädchen hatte inzwischen seinen Tanz beendet und sich unter der Platane niedergelassen. Sie legte ihr Tamburin neben sich und lehnte ihren Rücken an den breiten Stamm des Baumes. Aufatmend strich sie sich die Haare aus der Stirn.

Die Baumelfe ertappte sich dabei, dass sie noch immer unbeweglich auf dem Ast saß und auf das Mädchen hinunterstarrte. Sie rief sich selber zur Vernunft – vor lauter Schauen und Staunen hätte sie fast vergessen, ein Platanenblatt für sie zu holen. Schnell schwebte sie in den geheimen Raum im Inneren der Platane und zog ein Blatt aus dem Blätterhaufen – wie sie das für jeden Menschen, der zu ihr kam, immer so gemacht hatte.

Doch das Blatt, das für das Mädchen bestimmt war, war LEER!

Die Baumelfe war ratlos. Was sollte sie tun? So etwas war ihr noch nie passiert.

Sie schwebte zurück zu ihrem Ast. Hinter den Blättern verborgen, lugte sie nach unten. Das Mädchen saß noch immer im Gras, den Rücken an den Baumstamm gelehnt. Sie hatte das Gesicht erhoben und blickte nach oben in das dichte Blätterdach – und auf einmal begann sie zu singen. Mit einer klaren, süßen Stimme sang sie ein herzergreifendes Lied, dass ihre Liebe zum Leben und ihre Bewunderung für diesen wundervollen Baum ausdrückte.

Die Baumelfe musste tief Luft holen – so etwas Schönes hatte sie noch nie gehört.
Und plötzlich wurde ihr bewusst, dass noch nie jemand für sie und ihren Baum gesungen hatte – es war immer umgekehrt gewesen. Diese Erkenntnis löste ein starkes, sehr zwiespältiges Gefühl in ihrem Herzen aus. Ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen vor Trauer und gleichzeitig weitete es sich vor Glück. Ihre Kehle wurde eng. Seelenwasser stieg in ihre Augen und eine Träne stahl sich unbemerkt aus ihrem Augenwinkel, rollte über ihre Wange und fiel nach unten. Die Träne landete direkt auf der Nase des singenden Mädchens, rutschte auf ihre Wange – und dort verfestigte sie sich aufgrund ihrer Körperwärme und blieb kleben.

Verdutzt hielt das Mädchen in seinem Gesang inne und tastete vorsichtig mit drei Fingern nach dem unbekannten Etwas in ihrem Gesicht. Staunend betrachtete sie dann ein winziges herzförmiges Gebilde aus Kristall, das in allen Regenbogenfarben schillerte.
Forschend blickte sie nach oben. In dem dichten Blätterdach vermeinte sie so etwas wie einen  goldschimmernden zarten Flügel zu erkennen – oder war es doch nur ein verirrter Sonnenstrahl gewesen?

Versonnen lächelnd schloss sie ihre Finger vorsichtig um das Kleinod und legte ihre Faust sanft auf ihr Herz.
Mit einem tiefen Seufzer lehnte sie ihren Kopf zurück an den Baumstamm und mit einem beglückten Lächeln auf den Lippen sank sie in einen tiefen, wohltuenden Schlummer.

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